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Zappelig bis ins Rentenalter

Bis zu 50 Prozent der Kinder mit Hyperaktivität leiden später auch als Erwachsene darunter von Ingrid Kupczik
 
Die Formulare für die Steuererklärung liegen ausgebreitet auf dem Wohnzimmertisch, Peter H. will sie an diesem Abend endlich ausfüllen. Er muss. Das Finanzamt wird nicht mehr lange fackeln. Mehrmals schon zahlte er üppiges Zwangsgeld, weil er Abgabefristen verstreichen ließ. Nun droht ihm Zwangshaft. Peter H. raschelt sich hektisch durch die Papiere, füllt das eine oder andere aus, blättert zwischendurch in der Tageszeitung, verfolgt nebenbei ein TV-Quiz, steht auf, holt sich ein Bier, ruft seinen Freund Rudi an... Mit der Steuererklärung wird es wieder nichts.
 


Typisch für Peter H. Der 36-jährige Grundstücksmakler bekommt auch sonst kaum etwas auf die Reihe. Seine Wohnung: ein Schlachtfeld. Sein Beruf: knapp vor dem Scheitern. Beziehungen: stets nach kurzer Zeit abbruchreif. Peter H. lebt im Chaos, außen wie innen. Er kann sich auf nichts konzentrieren, nicht still sitzen, nicht zuhören, wippt, trommelt, nestelt, nervt. „Ich habe lange gedacht, dass sei meine Natur, eine unabänderliche Charakterschwäche", sagt Peter H. Schon als Kind stand er ständig unter Strom.


Inzwischen weiß er: Sein Leiden heißt ADHS. Es ist das Kürzel für „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung" und bezeichnet die weltweit häufigste psychische Störung im Kindesalter. Oft wird nur von Hyperaktivität gesprochen, weil diese eines der Kernsymptome ist. In Deutschland sind nach Schätzung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte bis zu sechs Prozent der Altersklasse sechs bis 18 Jahre betroffen.


Und danach? Wächst sich die Krankheit von allein aus? Werden die Beschwerden schwächer? Oder arrangiert sich ein Erwachsener nur besser damit? Übergreifende Studien zum Langzeitverlauf von ADHS gibt es bisher nicht. Die Experten gehen jedoch davon aus, dass mindestens ein Drittel, möglicherweise sogar die Hälfte der betroffenen Kinder auch als Erwachsene an ADHS leiden. Doch nur die wenigsten finden adäquate Hilfe: „In der Erwachsenenpsychiatrie oder -medizin wird diese Erkrankung bisher kaum zur Kenntnis genommen", kritisiert Dr. Reinhard J. Boerner von der Psychiatrischen Klinik der Universität München.


Charakteristisch für die Erkrankung im Erwachsenenalter sei die hohe Komorbidität mit anderen psychischen Störungen. Das heißt: ADHS ist häufig gepaart mit einer Depression, Angst- oder Zwangserkrankung, Sucht. Unklar ist, ob und inwieweit diese Krankheiten möglicherweise Folge von ADHS sind. Hinzu kommen soziale Schwierigkeiten durch Jobwechsel, Partnerschaftsprobleme, Gesetzeskonflikte. ADHS tritt zudem gehäuft mit Tic-Erkrankungen, aber auch in Kombination mit Epilepsien sowie dem „Restless- Legs Syndrom" und anderen Formen von Schlafstörungen auf.


Der Schwerpunkt der Symptome kann sich mit zunehmendem Alter verlagern: Die motorische Unruhe des sprichwörtlichen Zappelphilipp tritt in den Hintergrund - „dies erklärt, warum viele Patienten nicht diagnostiziert werden", so Experte Boerner. Mangelnde Impulskontrolle und Aufmerksamkeitsprobleme belasten nun den Alltag. „Die Patienten haben Mühe, Dinge zu planen, zu organisieren und zu Ende zu bringen", sagt Dr. Klaus Skrodzki, Vorsitzender der Arbeitsgruppe ADHS im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Der niedergelassene Arzt aus Forchheim kennt das Problem aus persönlicher Erfahrung. Bei seinem Sohn Florian wurde mit sechs Jahren das „hyperkinetische Syndrom", so hieß es damals, diagnostiziert. Florian ist mittlerweile 28, absolvierte die Schule und zwei Berufsausbildungen erfolgreich, arbeitet als Pferdewirt, hat aber nach wie vor erhebliche Probleme mit der Konzentration und Ausdauer. „Er braucht jemanden, der ihm bei der Bewältigung des Alltags zur Seite steht", sagt sein Vater.


Die Mediziner nehmen an, dass bei ADHS, möglicherweise genetisch bedingt, die Datenverarbeitung im Gehirn gestört ist. Eine Art Wahrnehmungsfilter, der aus der Fülle der einströmenden Reize nur die relevanten Informationen passieren lässt, funktioniert nicht einwandfrei. Deshalb sorgen schon kleinste Störungen für Ablenkung. Bisher ist nicht ausreichend erforscht, was bei ADHS genau im Gehirn passiert. Eine Schlüsselrolle spielt vermutlich Dopamin. Der Botenstoff wird, nachdem er von den Hirnnervenzellen freigesetzt wurde, zum Teil wieder dorthin zurückgeschleust. Das erledigen so genannte Dopamintransporter. Bei ADHS ist in bestimmten Hirnarealen die Transporter-Dichte deutlich erhöht. Die Folge: Das Dopamin kehrt zu schnell zu den Zellen zurück, es entsteht ein relativer Dopaminmangel.


Dieser Vorgang lässt sich mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Handelsnamen: Ritalin, Medikinet) wirksam unterbrechen. Die Substanz blockiert die Dopamintransporter und sorgt auf diese Weise für eine gezieltere Signalübertragung. Methylphenidat ist gleichwohl umstritten. Viele Eltern befürchten, dass die Psychostimulanzien, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, anfällig für Sucht machen. Doch erst kürzlich gaben Mediziner des Massachusetts General Hospital deutlich Entwarnung. In einer Meta-Analyse von sechs großen Studien fanden sie heraus, dass das Risiko für spätere Süchte bei hyperaktiven Kindern, die regelmäßig die Psychopillen schlucken, nur halb so hoch ist wie bei jenen Kindern mit der Störung, die kein Methylphenidat erhalten (Quelle: Pediatrics, 1/03). Das deckt sich mit dem Ergebnis einer großen Studie mit mehr als 600 Patienten an der Berliner Charité.


Bei der „insgesamt dürftigen Studienlage" (Dr. Boerner) zur Behandlung von Erwachsenen mit ADHS ist nur die Substanz Methylphenidat einigermaßen gut untersucht - und offenbar recht effektiv. Viele Erwachsene benötigen weiterhin das Medikament. Dies geht jedoch nur als „Off-Label-Use", denn Ritalin ist in Deutschland bisher nur für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren zugelassen.


Grundstücksmakler Peter H. nimmt jetzt ebenfalls Ritalin. Nach einer Odyssee durch zahlreiche deutsche Arztpraxen ist er in der „Spezialambulanz für Erwachsene mit ADHS" an der Münchner Uniklinik bei Dr. Boerner gelandet. Die Medikamententherapie brachte 60 Prozent Symptombesserung. „Ich bin ein neuer Mensch", sagt der Patient.


Er hat seine Steuererklärung abgegeben und die Wohnung aufgeräumt. Auch die Regalbretter, die vor sieben Jahren beim Kauf der neuen Einbauküche geliefert wurden und seither halb ausgepackt in der Ecke auf Montage warteten, sind seit zwei Wochen an der Wand.


Artikel erschienen am 2. März 2003 Welt am Sonnteg © WAMS.de 1995 - 2003