Typisch für Peter H. Der 36-jährige
Grundstücksmakler bekommt auch sonst kaum etwas auf die Reihe.
Seine Wohnung: ein Schlachtfeld. Sein Beruf: knapp vor dem Scheitern.
Beziehungen: stets nach kurzer Zeit abbruchreif. Peter H. lebt im Chaos,
außen wie innen. Er kann sich auf nichts konzentrieren, nicht
still sitzen, nicht zuhören, wippt, trommelt, nestelt, nervt. Ich
habe lange gedacht, dass sei meine Natur, eine unabänderliche Charakterschwäche",
sagt Peter H. Schon als Kind stand er ständig unter Strom.
Inzwischen weiß er: Sein Leiden heißt ADHS. Es ist das Kürzel
für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung"
und bezeichnet die weltweit häufigste psychische Störung im
Kindesalter. Oft wird nur von Hyperaktivität gesprochen, weil diese
eines der Kernsymptome ist. In Deutschland sind nach Schätzung
des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte bis zu sechs Prozent
der Altersklasse sechs bis 18 Jahre betroffen.
Und danach? Wächst sich die Krankheit von allein aus? Werden die
Beschwerden schwächer? Oder arrangiert sich ein Erwachsener nur
besser damit? Übergreifende Studien zum Langzeitverlauf von ADHS
gibt es bisher nicht. Die Experten gehen jedoch davon aus, dass mindestens
ein Drittel, möglicherweise sogar die Hälfte der betroffenen
Kinder auch als Erwachsene an ADHS leiden. Doch nur die wenigsten finden
adäquate Hilfe: In der Erwachsenenpsychiatrie oder -medizin
wird diese Erkrankung bisher kaum zur Kenntnis genommen", kritisiert
Dr. Reinhard J. Boerner von der Psychiatrischen Klinik der Universität
München.
Charakteristisch für die Erkrankung im Erwachsenenalter sei die
hohe Komorbidität mit anderen psychischen Störungen. Das heißt:
ADHS ist häufig gepaart mit einer Depression, Angst- oder Zwangserkrankung,
Sucht. Unklar ist, ob und inwieweit diese Krankheiten möglicherweise
Folge von ADHS sind. Hinzu kommen soziale Schwierigkeiten durch Jobwechsel,
Partnerschaftsprobleme, Gesetzeskonflikte. ADHS tritt zudem gehäuft
mit Tic-Erkrankungen, aber auch in Kombination mit Epilepsien sowie
dem Restless- Legs Syndrom" und anderen Formen von Schlafstörungen
auf.
Der Schwerpunkt der Symptome kann sich mit zunehmendem Alter verlagern:
Die motorische Unruhe des sprichwörtlichen Zappelphilipp tritt
in den Hintergrund - dies erklärt, warum viele Patienten
nicht diagnostiziert werden", so Experte Boerner. Mangelnde Impulskontrolle
und Aufmerksamkeitsprobleme belasten nun den Alltag. Die Patienten
haben Mühe, Dinge zu planen, zu organisieren und zu Ende zu bringen",
sagt Dr. Klaus Skrodzki, Vorsitzender der Arbeitsgruppe ADHS im Berufsverband
der Kinder- und Jugendärzte. Der niedergelassene Arzt aus Forchheim
kennt das Problem aus persönlicher Erfahrung. Bei seinem Sohn Florian
wurde mit sechs Jahren das hyperkinetische Syndrom", so hieß
es damals, diagnostiziert. Florian ist mittlerweile 28, absolvierte
die Schule und zwei Berufsausbildungen erfolgreich, arbeitet als Pferdewirt,
hat aber nach wie vor erhebliche Probleme mit der Konzentration und
Ausdauer. Er braucht jemanden, der ihm bei der Bewältigung
des Alltags zur Seite steht", sagt sein Vater.
Die Mediziner nehmen an, dass bei ADHS, möglicherweise genetisch
bedingt, die Datenverarbeitung im Gehirn gestört ist. Eine Art
Wahrnehmungsfilter, der aus der Fülle der einströmenden Reize
nur die relevanten Informationen passieren lässt, funktioniert
nicht einwandfrei. Deshalb sorgen schon kleinste Störungen für
Ablenkung. Bisher ist nicht ausreichend erforscht, was bei ADHS genau
im Gehirn passiert. Eine Schlüsselrolle spielt vermutlich Dopamin.
Der Botenstoff wird, nachdem er von den Hirnnervenzellen freigesetzt
wurde, zum Teil wieder dorthin zurückgeschleust. Das erledigen
so genannte Dopamintransporter. Bei ADHS ist in bestimmten Hirnarealen
die Transporter-Dichte deutlich erhöht. Die Folge: Das Dopamin
kehrt zu schnell zu den Zellen zurück, es entsteht ein relativer
Dopaminmangel.
Dieser Vorgang lässt sich mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Handelsnamen:
Ritalin, Medikinet) wirksam unterbrechen. Die Substanz blockiert die
Dopamintransporter und sorgt auf diese Weise für eine gezieltere
Signalübertragung. Methylphenidat ist gleichwohl umstritten. Viele
Eltern befürchten, dass die Psychostimulanzien, die unter das Betäubungsmittelgesetz
fallen, anfällig für Sucht machen. Doch erst kürzlich
gaben Mediziner des Massachusetts General Hospital deutlich Entwarnung.
In einer Meta-Analyse von sechs großen Studien fanden sie heraus,
dass das Risiko für spätere Süchte bei hyperaktiven Kindern,
die regelmäßig die Psychopillen schlucken, nur halb so hoch
ist wie bei jenen Kindern mit der Störung, die kein Methylphenidat
erhalten (Quelle: Pediatrics, 1/03). Das deckt sich mit dem Ergebnis
einer großen Studie mit mehr als 600 Patienten an der Berliner
Charité.
Bei der insgesamt dürftigen Studienlage" (Dr. Boerner)
zur Behandlung von Erwachsenen mit ADHS ist nur die Substanz Methylphenidat
einigermaßen gut untersucht - und offenbar recht effektiv. Viele
Erwachsene benötigen weiterhin das Medikament. Dies geht jedoch
nur als Off-Label-Use", denn Ritalin ist in Deutschland bisher
nur für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren zugelassen.
Grundstücksmakler Peter H. nimmt jetzt ebenfalls Ritalin. Nach
einer Odyssee durch zahlreiche deutsche Arztpraxen ist er in der Spezialambulanz
für Erwachsene mit ADHS" an der Münchner Uniklinik bei
Dr. Boerner gelandet. Die Medikamententherapie brachte 60 Prozent Symptombesserung.
Ich bin ein neuer Mensch", sagt der Patient.
Er hat seine Steuererklärung abgegeben und die Wohnung aufgeräumt.
Auch die Regalbretter, die vor sieben Jahren beim Kauf der neuen Einbauküche
geliefert wurden und seither halb ausgepackt in der Ecke auf Montage
warteten, sind seit zwei Wochen an der Wand.
Artikel erschienen am 2. März 2003 Welt am Sonnteg © WAMS.de
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