Aus sich selbst heraus ist ein solches Kind
außer Stande, seinen überstarken Antrieb zu kontrollieren,
es muss gewissermaßen ständig herumzappeln und ständig
Neues entdecken und sich darüber begeistern, anstatt sich auf eine
Sache zu konzentrieren. Und es wird nun auch zunehmend zu einer Belastung
für Spielgefährten, die es ablehnen, für Eltern und Erzieher,
die nicht damit umgehen können und seine weitere Entwicklung (spätestens
mit dem Schuleintritt) gefährdet sehen.
So gerät das Kind zwangsläufig
in einen zweiten Circulus vitiosus: Durch die besonders häufige
und intensive Nutzung der in seinem Gehirn angelegten und für die
Steuerung seiner ungerichteten Motorik, seiner unselektiven Wahrnehmung
und seiner ungezielten Aufmerksamkeit zuständigen Nervenzellverschaltungen
sind diese komplexen Verschaltungsmuster im Laufe der Zeit immer besser,
immer effektiver - und andere, weniger intensiv benutzte neuronale Verschaltungen
entsprechend weniger stark - entwickelt und ausgebaut worden. Wenn das
Kind nun durch sein Verhalten zunehmend in psychosoziale Konflikte gerät
und emotional verunsichert wird, kommt es im Zuge der dadurch ausgelösten
Stressreaktion zu einer vermehrten Ausschüttung von bestimmten
Transmittern und Hormonen, die ihrerseits nun noch zusätzlich dazu
beitragen, diejenigen neuronalen Verschaltungen und synaptischen Verbindungen
zu stabilisieren und zu bahnen, die das Kind zur Wiederherstellung seines
emotionalen Gleichgewichtes aktiviert (Hüther 1998). Versucht es
das durch Zappeln, so wird es zu einem immer "besseren" Zappelphilipp
und entwickelt womöglich sogar noch einen motorischen Tic. Versucht
es das durch Stören, wird es zu einem immer "besseren"
Störenfried und entwickelt sich zu einem ungeliebten Außenseiter.
Versucht es das durch Weghören, wird es zunächst auf einem,
womöglich gar auf beiden Ohren "taub". Wenn sich irgendwann
keiner mehr anders zu helfen weiß, bekommt es Ritalin verordnet.
Und wie es dann weitergeht, ist weiter oben bereits beschrieben worden.
Ob die hier entwickelte Modellvorstellung
sich in Zukunft als tragfähig und zumindest in groben Zügen
als zutreffend erweist, hängt nicht von der Art der Veränderungen
ab, die sich im Hirn eines ADHD-Kindes abspielen, sondern von dem heuristischen
Wert, den dieses Konzept besitzt, und der nun durch gezielte Untersuchung
und möglichst frühe therapeutische Interventionen geprüft
werden kann und überprüft werden muss. Entscheidend ist, ob
es gelingt, solchen Kindern, die sich bereits sehr früh durch außergewöhnliche
Aufgewecktheit und Stimulierbarkeit auszeichnen, durch vorausschauende
erzieherische Maßnahmen (sichere Bindungen, Strukturierung des
Tagesablaufes, Schaffung eines ruhigen und gehaltenen Entwicklungsumfeldes)
aus dem Teufelskreis der Selbststimulation und der dadurch verursachten
emotionalen Verunsicherung herauszuführen. Auch wie ihr dopaminerges
System und alle anderen "Anomalien" in ihrem Gehirn sich dann
entwickeln, bleibt - bis zur empirischen Bestätigung dessen, was
dieses neue Modell vorhersagt - abzuwarten.